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12.08.10 Vierter Broome Blog

22. Juli 2010


Nachdem wir genau 2 Monate in Broome geshoppt, gearbeitet, eingekauft, den Strand besucht, einfach gelebt haben, ist mir am heutigen Tage, während ich Nudeln im Topf umrührte, aufgefallen, dass es in dieser Stadt keine einzige Ampel gibt.


Erstaunlich, wo wir hier bestimmt schon 1000km innerorts gefahren sind. Obwohl Broome im Durchmesser nur ...7km? groß ist (der Bereich der Innenstadt, wo es Geschäfte gibt, ist winzig klein).


Was es zu Hauf gibt, sind Kreisel .- roundabouts -

wie sagt man? Kreisverkehrer.

Kreisverkehrs. (Und die, die im Kreis verkehren sind dann die Kreisverkehrer, hihi...)


Oder, wie der Australier sagen würde, wenn er einen Deutschen imitiert:

Kreisenverkehrsen.



Es gibt keine Ampeln, nur ein paar Vorfahrtsschilder und dergleichen, und dass mir das nie aufgefallen ist liegt vermutlich daran, dass wir auf der Reise nach Broome 3500 km in 9 Tagen gefahren sind und uns auch auf diesem Weg weder Ampeln noch andere, lästige legale Spaßbremsen untergekommen sind.

Geschweige denn Kurven. Nichtmal von denen gab es ausreichend viele, sodass man hätte sagen können, man sitzt am "Steuer". (Denn wieso sollte man es Steuer nennen, wenn man überhaupt nicht steuern muss sondern nur festhalten. Immer gradaus.

Das festhalte-Rad.)


So kann ein Begriff schnell mal sinnfrei erscheinen. Bemerkte ich, als eine junge Dame, die letztens im RSL Club einen "Alcopop" kaufte, und um einen straw bat. Einen Strohhalm.

Bitte gerne. Wegen dem Lippenstift.


( Neiiiiiin! Wegen DES LippenstiftES ! der Dativ ist dem Genitiv sein Tod.)



Ich fragte sie spontan, wieso es denn STRAWberry heiße. Eine Erdbeere habe doch mit einem Strohhalm, oder auch mit Stroh, nichts zu tun.

(Der aufgeschlossene Linguistiker kehrt auch vor der eigenen Haustür - die Erdbeere wächst nicht in der Erde, höchstens drauf. Aber alles was wächst, wächst irgendwie auf der Erde, und es heißt auch nicht Erdbaum oder Erdblume. Ebensowenig wie der Erdapfel ein Apfel ist -

ich schiebe spontan alles auf Martin Luther.)



Die junge Frau, deren Lippen und Zunge und Zähne knallrot waren (weil der Alcopop so einen schönen Farbstoff enthält, und den Lippenstift hatte ich ja schon erwähnt), fand dass ich Recht hatte, gab aber zu Bedenken, dass die strawberry ja noch Glück habe,

wie solle sich erst die boysenberry fühlen, mit so einem Namen...?

blueberry mache Sinn, aber dann seien da noch raspberry und cranberry...

Die ganze Familie der Beeren war irgendwie mysteriös benannt.


Aber genug!, sie müsse jetzt wieder zu ihren Freunden, und ihren Wodka Cruiser (Geschmacksrichtung raspberry) schlürfen.

Die Raspelbeere... Wie übel.


Ein raspatory gar ist ein KNOCHENSCHABER ! Ist es nicht grausam?


Steven hat auf seinem iPod das Dict.CC, das mir gerade erklärt, eine boysenberry sei eine Kreuzung aus Loganbeere, Brombeere und Himbeere.


Die Brombeere wiederum ist auf Englisch ist blackberry oder brambleberry.

Das Adjektiv brambly kann dann entweder "voll mit Broombeeren" heißen (weil es im Deutschen ja keine wirkliche Entsprechung gibt - oder sagen wir jemals "brombeerig"?),

oder auch "dornig".

Ich kann mich eigentlich an kein Erlebnis mit Brombeersträuchern erinnern, weiß also nicht, ob diese Dornen haben.

Dass ich sowas nicht weiß! Brombeerlose Kindheit.


Aber im Grunde ist es egal. Wenige Wörter machen Sinn, und im Deutschen machen die ganzen zusammengesetzten Hauptwörter sowieso alle Vielfalt kaputt.

Wir sagen Perlen, oder Glasperlen. Glas + Perlen.

Auf Englisch sind es pearls, oder beads.

Pfannkuchen sind hier zwar manchmal auch die pancakes, meist aber die flap jacks.


(Das mit den Flapjacks hat sich bestimmt der gleiche Typ ausgedacht, der auch die boysenberries und raspberries phonetisch verkrüppelt hat. Ein Serientäter. Oder einem Jungen namens Jack wurde einst ein pancake in die Visage geflappt.)


An Ampeln und wohl durchdachten Bezeichnungen für alltäglichen Kram mangelt es Australien definitiv (ich frage mich auch immernoch, warum das Ding, mit dem man Eier rührt - das deutsche Wort ist mir entfallen - hier whisk genannt wird, wenn die whiskers doch die Schnurrhaare der Katze sind. ).

Solche Überlegungen sind gut, um sich langweilige Stunden zu verteiben - obwohl uns eigentlich nie langweilig wird - außer ich muss im Cafe einen riesigen Berg Geschirr auf einmal spülen und versinke dabei in Gedanken.


Übrigens ist mir das deutsche Wort grade eingefallen, ich meinte einen Schneebesen.

Oft verbringe ich tatsächlich Ewigkeiten damit, über Wörter nachzudenken die ich vergessen habe, nicht verstehe, oder mir nicht sicher bin wie man sie schreibt.

Ich sehe einen Gegenstand und denke: Wie heißt der nochmal auf Deutsch?


Wenn ich dann kapituliert, irgendjemanden gefragt und die Antwort erhalten habe, denke ich zufrieden:

Das hab ich auch schonmal gewusst.


Das kommt davon, wenn man täglich mehrmals zwischen Deutsch und Englisch hin und her springen muss, und beide Sprachen ziemlich gut beherrscht.


(Alles ist irgendwo im Hirn drin, aber wenn man nicht umschalten kann, ist das Wissen nutzlos, wie Geld in der Schublade, die man zugesperrt und dann den Schlüssel verloren hat.)


Interessant ist, dass es in 90% der Fälle am Deutschen hapert.


Kürzlich sitzen Steven und ich vor einem Asia - Take away Laden, und essen unsere Thai-Nudeln. Steven hatte ein Gericht mit mehreren verschiedenen Sorten Fleisch,

ich hatte was mit Huhn und Chilli und Cashews.

Was ich Steven fragen wollte, war : "Hast du denn jetzt 2 Sorten Fleisch?",

weil ich nicht mehr wusste, was genau er bestellt hatte.


Aber in all der Müdigkeit, zwischen Deutsch und Englisch, laberte ich einfach drauflos, im Sprechen immer wieder mich selbst korrigierend:


"Hast du denn jetzt zwei Hühnchen?

Ich meine - zwei Fleischs?


... Äh.. zwei Fleische?

...

Also - Hühnchen und Schweinchen?"


STOPP ! Hühnchen und Schwein. , wollte ich noch sagen. Aber da musste ich schon so lachen, das ganze scharfe Essen schob sich teilweise wieder die Kehle hoch und ich hatte Chili irgendwo auf der Rückseite meiner Nasenschleimhaut, vom hektischen Atmen und Lachen.


Fleische? Fleischs? Hühnchen und Schweinchen?


Spatzl, hast du ein feines Hühnchen und Schweini-Schweini in deinen Nudeln?



An dieser Stelle fällt mir eine Anekdote ein, die überhaupt nicht hier hin gehört, und ich hoffe es macht dem Claudio nichts aus dass ich es hier reinschreibe.

Claudio, ein Freund und Mitbewohner von Steven in München, hat Stevens Job bei einer Lernsoftware-Firme übernommen, als Steven nach Australien ging.

Claudio war davor Elektriker in der Ausbildung und so war es für ihn gleichzeitig ein Sprung in ein anderes Metier, wie auch in ein neues Umfeld, und auch das Gehalt ist in der Lehre ja nicht gut, also hatte er dann auch ein besseres Einkommen mit dem neuen Job - aber natürlich muss man sich bei so einer Umschulung alles mögliche aneignen und viel Energie da reinstecken.

Long story short.

Bei einer der ersten internen Besprechungen, denen Claudio beiwohnte, saß er in der letzten Stuhlreihe, und sagte prompt:

"Wie in der Schule: Immer sitz ich in der letzten Reihe.

Und naja - man sieht ja, wo ich gelandet bin."


Er meinte das rein positiv (wie ich glaube). immer war ich faul - aber ich hab es trotzdem zu was gebracht.

Was die Kollegen sich dachten (oder der Chef) ist vielleicht ne andere Story, jedenfalls ist das genau deswegen so ein schönes Beispiel, wie man missverstanden werden kann, oder wie man manchmal nicht Herr über seine eigenen Worte ist.

Hühnchen und Schweinchen.



Tagtäglich rennen wir die Worte buchstäblich über den Haufen, aber so hat man immer was zu lachen. Unser Mitbewohner hat auch was über den Haufen gerannt, und es war nicht zum lachen - die Geschichte ist echt unglaublich -


in dem 3. Zimmer hier im Haus wohnen zwei Bangladeshis, zwei Männer, die müssen in ihren frühen 30ern sein, beide sind Bäcker bei Woolworths, der eine geht nächsten Monat wieder heim nach Bangladesh, ne Runde schwimmen. (sorry der war fies) der andere geht im Dezember zurück nach Sydney.

Sind halt zwei Kumpels die hier ne Zeit lang arbeiten und versuchen Geld zu sparen.

Abu und Mo heißen sie. Abu hat ein Auto. Eine kleine Ford Limousine, nichts besonderes, gekauft für 4,000 Dollar - aber ihr wisst ja wie das ist, auf Reisen, mit dem Geld und so.

Da ist ein Auto was besonderes.


So fährt er kürzlich auf einer der Hauptstraßen hier, wo man 70 fahren darf, entlang, und zwar mit 80-90 kmh, und will links abbiegen ins Wohngebiet.

Kurz zur Erinnerung - hier fährt man links, also ist die Linkskurve die enge Kurve, und nicht die weite.

Wie Abu bremsen will (weil die Kurve recht eng ist), steigt er aus Versehen aufs Gaspedal (!) und beschleunigt, was dazu führt dass er eine Kurve, die ich mit maximal 40 kmh fahren würde, mit ca. 90 in Angriff nimmt.

Obwohl er vor Schreck natürlich voll links einschlägt, schafft er es nicht ganz, und der rechte Vorderreifen fährt auf ein kleines Verkehrsinselchen auf, das 2 Schilder hält die sagen "keep left". (als wüssten die Aussies nichtmal selbst, auf welcher Seite sie fahren).


BUMS, das Schild ist verbogen, Abu mittlerweile im Schockzustand, der Fuß starr, immernoch auf dem Gaspedal.

Heiter weiter gehts in die Linkskurve, minimal abgebremst durch den Zusammenstoß mit dem Schild. Wir schätzen mal knappe 80 km/h.

Auch hat er noch voll eingeschlagen. Die Kurve ist nun schon keine Kurve mehr, geradeaus fahren wäre angebracht.

Abu fährt aber nun auf den linken Straßenrand auf.

Ein 20 cm hoher Bordstein, und ein großer Graben, der unter der Straße durch verläuft (damit hier in der Regenzeit die Fluten ablaufen könne, gibt es hier diese gemauerten, künstlichen Bachbett-artigen Gräben).


Der zwei Meter breite Graben verläuft im 90°-Winkel zur Straße, und der gemauerte Rand ist auch noch ein wenig höher als die restliche Böschung - wie eine Schanze.

Und so springt Abu mitsamt seinem Auto in, nein, ÜBER den Graben,

auf der anderen Seite kommt er im dichten Gestrüpp der Böschung zum Stehen.

Sein Fuß ruht auf dem Gaspedal, aber das Auto fährt nicht mehr weiter...


Als Steven und ich nach hause kommen, parkt sein Auto an der gleichen Stelle vorm Haus wie immer. 3 Reifen sind platt, Teile vom Rahmen vorne hängen auf den Boden, beide Scheinwerfer vorne komplett zerstört (rechts vom Schild, links vom Graben).


Abu sagt: I ve been flying today. With my car.


Er zeigte mir später die Stelle, wo er abheben wollte ^^

Im anderthalb Meter tiefen Graben liegen Kotflügel, Felgen, Scherben, Reifenteile.




Fuck. Armer Abu.

Ach, meinte ich, ich kann euch ja in die Arbeit fahren -

(was ich dann auch tat, aber dann stellten die beiden fest dass es zu Fuß auch nur 25 min dauert, sie laufen auch ganz gern).


Seine Heiligkeit Joseph hatte nur eine Sache zu sagen: Dass Abu an dem Tag über Kopfschmerzen geklagt hatte, und da solle man eben nicht Auto fahren, in so einem Zustand.


Klar, Joseph. Weil man ja auch eine Wahl hat, hm?


Überhaupt sind wir alle etwas stinkig auf den Pastor. Dieser Typ ist ein richtiges Phänomen.

Er tut NICHTS. Um 5 in der früh steht er auf.

Setzt sich an den Computer. Duscht.

Wenn ich gegen 7 Uhr laufen gehe, sitzt er da. Wenn ich zurück komme, sitzt er da.

Um dreiviertel 9 geh ich in die Arbeit. Zwischen 4 und 5 komm ich heim.

Dann sitzt er in der Küche, mit ein paar stinkenden Aborigines (tut mir Leid, aber die stinken echt. Es ist so eklig.), und erzählt ihnen was.

Letztens erzählte er, man solle nicht trinken und nicht auf der Straße rumlungern. Man solle seinen Blick auf Gott konzentrieren und ganz Gott gehören. You know?


Ich wünschte, er würde in seinem Sermon mal eine Dusche erwähnen.


Gestern saßen an dem Tisch mit Joseph zwei Abos, Vater und Sohn, dazu eine junge Frau die stank, mit einem Baby das nicht gesund aussah (ich hab mir erspart an dem baby zu riechen) und obendrein ein weißer Mann, mit viel Bart und einer Art Bauarbeiter-overall.

Ein Typ aus der Geodäsie oder wie es sich nennt , also einer der durchs Land latscht und schaut wo es Bodenschätze gibt.

Alle unterhielten sich, wie gut es doch sei wenn endlich die Erdgasförderung in der Region hier beginne. Wie sich dann die Region entwickeln würde...

Die Energie wäre günstig, Jobs gäbe es auch, die Infrastruktur würde verbessert, also wären die Straßen nach Broome auch in der Regenzeit befahrbar. Dann könnten mehr Touristen kommen.


Unglaublich sei es, sagte Joseph. Er wollte schon manchmal in die Kimberley fahren. Aber wenn es regne, könne man die Straßen nicht befahren.

Dieser state, western australia, sei so groß wie Europa, und nur eine Straße entlang der Küste. Ein Highway. Wie das sein könne, dass die Leute hier so schlecht mit Straßen versorgt würden...?


Tja, fragte ich, für wen solle man die Straßen denn bauen. Hier lebe ja niemand. In dem ganzen Staat Western Australia leben vielleicht 2-3 Mio. Leute. Und davon 1,5 Mio. in Perth. Und dass hier oben niemand lebe, sei ganz normal schließlich sei das Klima im Inland absolut lebensfeindlich, Wüste das eine halbe Jahr, Überschwemmung das andere halbe Jahr.

Er glaube doch nicht ernsthaft, dass sich hier urbane Strukturen bilden würden, nur weil plötzlich Erdgas gefördert wird.

Und wie billig solle das denn noch sein, wenn die Erdgasförderer erstmal die komplette Anlage und Infrastruktur bauen müssen?


Aber die Jobs!, meinte er. Davon würden auch die Aborigines profitieren.


In meinem Kopf dachte ich: Klar. Das ist absolut logisch. Die Abos, die keine Ausbildung haben und nichtmal Straßenkehrerjobs machen, füllen plötzlich alle Positionen in der Erdgasförderung, werden zu Bauarbeitern und Ingenieuren -

in 2 Generationen vielleicht. Wenn sie jetzt anfangen in die Schule zu gehen, schafft es die nächste Generation vielleicht schon teilweise an die Uni.

Bis die Abos im großen Stil an solche Jobs kommen, ist alles Erdgas der Welt bereits gefördert worden.



Aber das konnte ich natürlich nicht laut sagen.

Auch wenn ich diesem kleinen kranken baby wirklich wünschte, dass seine Mama es mal zur Schule schicken würde. Aber sie sah recht jung aus und verpasste wohl grade ihre eigene Abschlussprüfung, also war es nicht sehr wahrscheinlich.


Ich sagte stattdessen, dass ja jeder wisse, dass es nicht bei einem beschränkten Areal bleiben würde. Die Region würde zerstört werden. So viel Verkehr. Wenn sie erst den Hafen ausbauen würden, so wie geplant, würden bestimmt auch die Wale nicht mehr so froh an der Küste entlang schwimmen. Das ganze Meer würde im Stress sein, mit so vielen Booten.

Und wenn erst das Verkehrsaufkommen dreimal so hoch sei wie jetzt, und alles größer und städtischer - dann würden sicher weniger Touristen kommen. Denn was Broome ausmache, sei ja diese perfekte natürliche Kulisse.

Die Tourismusindustrie macht außerdem einen Haufen Kohle mit all den "guided tours" und Abenteuerurlauben in der Kimberley region. Da ist nichts, da muss dich jemand führen, sonst verirrst du dich, und wenn dein GPS Akku aus ist stirbst du

Diese Touren boomen, und ich glaube nicht dass die Leute noch diese schweine teuren Fahrten buchen wenn es eine dicke fette ausgebaute Autobahn gibt, auf der man auch ganz alleine fahren kann, ohne Hilfe.

Nur in der Regenzeit sind die Straßen nicht befahrbar. Und wozu auch. Es hat 40 Grad und die Luftfeuchtigkeit macht das Atmen schwer. Die Hölle auf Erden. Wer würde dort sein wollen. Man sieht es ja an Broome - von 70.000 Leuten in der Dry season runter auf 15.000 in der Wet. Und daran ist nicht die schlechte Straße Schuld, sondern wie das Klima die alltägliche Lebensqualität beeinflusst. (Ins Meer kann man dann ja auch nicht, weil es dann von giftigen Quallen wimmelt.)


Aber das war Joseph egal, glaub ich. Gott hatte ihn hier her berufen, zu den Abos, also konnte er nicht weg - da war es ihm lieber, die Sachen kamen zu ihm. Billigeres Essen, Sprit, Straßen, und all das.

An sich ist er nicht der Typ, der gerne was tut. Egal was. Am besten, jemand anderes machts.

Seit sein Neffe John da ist, nutzt er den auch volle Kanne aus. John ist wie unser Freund geworden, und er tut uns sehr Leid. Joseph sitzt den ganzen Tag auf seinem Arsch und starrt gen Himmel.

John kommt nach 9 Stunden harter Arbeit völlig fertig nach Hause. Meist löst er dann erstmal ein Computerproblem für seinen Onkel. Dann kocht er abends, deckt den Tisch (um Joseph herum), und am Ende spült er auch ab.


Während er abspült, hat Joseph schon ein neues Computerproblem aufgetan


Wie es scheint, bezahlt John auch all die Einkäufe. Essen ist hier sehr teuer.

Joseph verdient halt nichts. Wie auch.

Von einem Immobilienmakler, der oft ins Cafe kommt, weiß ich aber (- ich habe da mal investigiert ^^), dass die Unit in der wir wohnen um die 450.- pro Woche kostet.

Da die Bangladeshis und wir für unsere Zimmer je 250.- die woche zahlen, kann man sich ausrechnen, wie viel Miete Joseph zahlen muss. Minus 50 pro Woche^^


Wahrscheinlich hat er John erzählt, seinem Neffen, dass er großzügiger weise umsonst bei ihm leben kann. Haha.

In dem Zimmer mit John und Joseph wohnt ja auch noch der dritte Koreaner, Allo.

Der arme Mensch arbeitet sich sowieso zu Tode. Doppelschicht jeden Tag.

Ich frage mich, was der zahlen muss.


Jeder in diesem Haus arbeitet hart.- Steven und ich machen auch jede Woche an zwei Tagen Doppelschichten und abgesehen von diesen 2 Tagen schon 35 bzw 40 Stunden.

Es reicht ^^ Die Bäcker fangen um 10 zum Arbeiten an und kommen um 8 in der früh heim. das sind 10 Stunden nachts Brot backen.

der einzige, der rumsitzt und sich bedienen lässt, ist Joseph, unter dem Deckmantel seiner scheiß Kirche. Und wie philanthropisch ist diese Kirche?


Neulich koche ich in der Küche, da höre ich wie zwei Mädchen draußen reden.

Ich geh also um die Ecke und gucke, was da los ist.

Es war mir sehr peinlich.

Joseph steht drinnen, und durch die Fliegengittertür, durch die man grade so durchschauen kann, starrt er auf diese zwei Mädchen herab, liebe kleine Mädchen, so wie meine Schwester (vermisse dich sehr, Andi!).

Die Mädels präsentieren ihm ihr Schulprojekt, sie sammeln Geld für hungernde Kinder in Afrika, schreiben Briefe an ihre Brieffreunde dort, und so weiter..


Aus der Schulzeit weiß ich, dass es nicht gerade einfach ist für den Lehrer, Kinder zu finden die von Tür zu Tür gehen wollen und sammeln. Schüchternheit, Faulheit, Angst nicht genug Spenden zu bekommen und dann blöd da zu stehen - was auch immer der Grund ist - wenn zwei Kinder sowas machen (und auch noch aus so guter Absicht), dann brauchen sie Erfolgserlebnisse !


Joseph steht da, wortlos. Kein hallo, kein "oh was macht ihr denn da tolles", nichts.

Missmutig schaut er herab (betone: HERAB) - die Mädels geraten schon ins Stottern und werfen sich gegenseitig verunsicherte Blicke zu, weil sie wissen: Dieser Mann da, der findet uns nervig und doof.

Diese Ablehnung, die Joseph ausstrahlte, hätte sogar ein taubstummer Blinder gespürt.

Während die Mädels noch mitten im Satz waren (..and so we are raising funds to help our friends and fellow students in africa.... sir, would you like to give a donation...), drehte sich Joseph schon kopfschüttelnd weg und schlurfte zurück zu seinem Tisch und setzte sich hin.

Autsch das war peinlich.

Ich musste die Situation retten!


Hello ladies! sagte ich und lief raus. Was auch immer ihr macht, ich finds toll, moment mal ich hol geld -


ich spendete 5 Dollar (nicht für afrika, sondern für das selbstbewusstsein dieser Mädels) und durfte auf einem Blatt unterschreiben - auf dem ich sehen konnte, dass vor mir zwei Personen gespendet hatten, und zwar einmal 40 Dollar und einmal 1,60 .

Die 40 Dollar waren wohl die Mamas, und die 1,60.- die Kleingeldreste von einer alten Oma.


ich wünschte den kids noch einen wunderschönen Tag und viel Erfolg, atmete tief ein und ging wieder rein, hielt die Luft an bis zur Küche und kochte weiter und vermied es, Joseph anzuschauen, weil ich so so so böse auf ihn war.


Warum konnte er nicht ein normaler Mensch sein. Ein normaler Mensch, der weiß was Respekt ist, öffnet die Tür, sagt guten Tag, und wenn er nicht spenden will, sagt er:

es tut mir sehr Leid, aber ich habe gerade sehr wenig Geld und sepnde Geld für andere Projekte, trotzdem danke und noch einen schönen Tag.

Wollt ihr ein Stück Schokolade, Mädels?


Joseph hat nicht die Tür geöffnet, er hat kein Wort gesagt, er hat nur geglotzt und den Kopf geschüttelt und dann den Kindern den Rücken zugedreht. Ich kann es jetzt noch nicht glauben.


Aber Hauptsache, er singt den Abos ein schönes Lobpreislied vor, denkt an seine treue Ehefrau die er in Sydney zurückgelassen hat und fühlt sich gut, weil er solch große Opfer für den Herrn bringt, und schläft am Abend selbstzufrieden ein. Die Dankbarkeit von seinem Neffen ist ihm auch noch sicher, allerdings finde ich das zählt alles nicht, schließlich hat er ja gelogen.


Lügen ist auch ein gutes Stichwort.

Vor ca. 3 Wochen lag auf der Türschwelle ein Brief. Jeder Anwohner in Broome muss seine Post am Postamt abholen, in einer Post Box. Es gibt keinen Briefträger, nichts wird zugestellt.

Also warf ich neugierig einen Blick auf den adressaten.

Tenants of Unit 9 / 37 Cable Dunes...

also die Mieter dieses Hauses.

Der Brief kam vom Eigentümer - PRD REAL ESTATE.


Mieter bin ich hier auch, dachte ich, und öffnete den Brief.

Faltete ihn auf, und las auf der Türschwelle den ersten Satz -


an inspection will be carried out Monday, 26th July, between 9am and 3 pm, blah blah -

schwupps! reißt mir Joseph den brief aus der Hand.



Moment mal - sagte ich, der ist vom Besitzer -

Ja ja, er wisse schon.


What is it?, frage ich.

Ach - egal - das tue nichts zur Sache.


Natürlich wusste ich, was es war. In Australien ist es üblich, dass der Vermieter alle 2-3 Monate das Haus inspiziert, um zu sehen ob die Mieter ordentlich sind oder ob sie die Bude verwahrlosen lassen.

Mir war sofort klar (denn es war Freitag): am Montag muss das Haus sauber sein.


Joseph hatte wohl angenommen, dass ich den brief nicht gelesen hatte, bzw nicht wusste um was es ging.

am Sonntag, als er in seiner Kirche war, putzte ich aber bad, Küche, Herd, und kehrte den Boden. (Staubsauger gibts nicht).

Joseph kam heim und ich war schon fertig.

Montag morgen aber, als die Bangladeshis von der arbeit kamen, und wir alle in der Küche waren, sagte Joseph :

heute ist eine inspection, ich muss jetzt dann das Haus vorbereiten.


Ich weiß, sagte ich. ich weiß, dass die inspection ist. Deswegen hab ich gestern schon geputzt.

Die Bangladeshis waren total überrascht, ebenso der andere Koreaner, Allo.

Joseph hatte niemandem gesagt, dass die inspection anstand.

Ein Brief, adressiert an alle Mieter des Hauses - nur er hätte ihn lesen sollen, oder wie?


Ich war sauer, erstens weil er mir den Brief aus der Hand gerissen hatte, so als würde ich das Postgeheimnis verletzen, und zweitens, weil er sich jetzt als den Helden hinstellte, der im letzten Moment noch das Haus her richtet, und alle anderen gehen in die Arbeit und er muss es ganz allein machen - da verdient man doch Dankbarkeit?


Nö. Er verdient Haue, weil er keinen informiert hat.


Und putzen kann er auch nicht. Den Badspiegel putzt er, indem er Wasser drüber schüttet.

Den Badboden putzt er, indem er von der Dusche aus Wasser auf den Boden spritzt.


Wasser, Wasser, - fällt euch was auf?

genau! es fehlt das Putzmittel.


Heute früh - ich hab frei und bin nur kurz mit Steven aufgestanden - sitzen wir in der Küche, um 20 nach 6, und Joseph duscht. Alle anderen waren noch im Bett oder Brot backen bei Woolworths.

Ewigkeiten duschte er, und man hörte das Wasser durchs ganze Bad spritzen.

Putzaktion. "Wir reinigen uns und die 4 Wände drum herum."


Ich klopfte an die Tür.

Sorry Joseph - Steven has to go to work soon, could you vacate the bathroom please..

Ein Joseph im Handtuch kommt heraus, drinnen läuft grade die Sintflut in den Abfluss.


Andere Putzaktion: Joseph im Schlafanzug (Shorts und ein weißes Unterhemd, von der Sorte die sonst oberbayrische Bierbäuche zieren) im kleinen Klo-Räumchen, schüttet Wasser auf den Boden und schrubbt mit einer Art Klobürste (so genau wollte ich auch nicht hinsehen) den Boden. Auch dieser Raum hat einen eigenen "Gulli". Gott sei Dank.

Das Ganze übrigens um 7 Uhr früh. (Noch nicht angezogen, aber schon umananda-

g'schaftlhuaba'n. schreibt man des so?)



Montag, 09.08.10


Heute ist der Tag der Befreiung. Joseph fliegt nach Perth und kommt erst in 1 Woche zurück! Sein Auto ist dort unten in der Reparatur, weil er da unten einen Unfall hatte.

Und jetz fliegt er runter, steigt ein, und fährt rauf.

3000 km.


Montag früh fahre ich seine Heiligkeit also zum Flughafen. Für die 1 Woche hat er geschätzte 35kg Gepäck dabei.

Unter anderem einen 10l Wasserkanister. In Perth kann man sowas möglicherweise nicht kaufen. Perth hat nur 1,5 Millionen Einwohner. Man muss vorbereitet sein.

Pff. Provinzstadt.


Also Joseph zum Flughafen, ich in die Arbeit. Danach: zum Strand. Steven wartet schon.

auf dem Rückweg: Halt im bottleshop. 2 Sixpacks Bier und Cider, und ne Flasche Wodka.


Abends sitzen die Bangladeshis, John, Steven und ich draußen. Alle rauchen außer den Deutschen, jeder hat ein Bier in der Hand, und alle lästern über Joseph :p


Dienstag Abend: John hat groß eingekauft und zu dritt kochen wir koreanisch und japanisch. Tempura, Sushi, und vieles mehr. Dazu laute Musik und Bier.


Ich wünschte, diese Woche würde nie enden!


Rezept ist mitsamt Fotos vorhanden und wird bei Gelegenheit in Deutschland wieder rausgekramt.


Ach ja! Deutschland.

Ich laufe morgens durch die Straßen unseres Wohngebiets, perfekt gewachsene Palmen säumen den Straßenrand, kleine Propellerflugzeuge gleiten im Landeanflug tief über die Dächer, kein Mensch ist auf der Straße, man hört höchstens mal ein Auto auf der Hauptstraße vorbeifahren. Es kommt mir jetzt schon so vor als müsste ich mich an allem noch einmal satt sehen bevor ich diesen Ort verlasse. Die Luft schmeckt schon nach Abschied.

Jeden Tag stehe ich auf, und das Wetter ist perfekt. Ich kann nichtmal sagen: Vielleicht mein letzter Tag mit perfektem Sonnenschein in Broome.

Jeder Tag in Broome glänzt mit Sonnenschein und blauem Himmel!

Ich könnte schon die Anzahl der Tage ausrechnen, die ich noch im Cafe arbeiten muss. Aber das will ich gar nicht, es wären sowieso zu viele

Obwohl es mich jetzt nervt, weiß ich genau, dass ich mich an diesen Ort zurückwünschen werde wenn ich erstmal weg bin.

Genau so wie die letzten 4 Male. Deutschland verlassen. Avalon verlassen. Margaret River verlassen. Perth verlassen.

Als nächstes kommt: Broome verlassen.

Und danach: Australien verlassen. Steven wieder verlassen!


Immer hab ich gesagt, von Perth nach Broome hier rauf, das würde ich nie wieder mit dem Auto fahren wollen. Jetzt, wo Joseph genau diese Strecke fährt, würde ich lieber mit ihm tauschen als in dieser Zwickmühle hier zu sitzen: eigentlich den perfekten Urlaubsort vor der Nase, aber die Abreise sitzt schon im Nacken und es muss noch viel organisiert werden. Und das wo man sich gerade eingelebt hat. jetzt hab ich schon 5 Zuhause auf dieser Welt, wie viele kann man sammeln?


Verity, meine Freundin in Avalon, hat 2 Jahre in London gelebt, als Nanny bei ein und derselben Familie die ganze Zeit. Verity sagt, es ist schwer das Leben, das man in einem anderen Land aufgebaut hat, zu verlassen und damit abzuschließen.

Ann-Cathrin, die seit Mitte Juli wieder in Deutschland ist, hat mit dem Gedanken gespielt diesen Donnerstag (also Mitte August) zurück nach Australien zu fliegen, wenn sie einen Flug für unter 1000 Euro findet.

Heute hat sie mir geschrieben, das am Donnerstag ein Flug für 1090 Euro geht. Ich weiß nicht, ob sie einsteigt. Aber ich traue es ihr schon zu.

Nicht, weil Australien so viel besser ist als Deutschland, aber weil es schwer ist, mit dem Reisen aufzuhören wenn man einmal angefangen hat. Weil man sich eben ungern an eine Situation bindet und festlegt, wenn man sich einbildet man könnte es noch besser haben.

Kann ich das perfekte Leben bekommen, indem ich es überall suche und herum probiere, und hoffen dass ich es irgendwann finde - oder muss ich erkennen, dass es die perfekte Lebenssituation gar nicht gibt, und ich mich ständig verändern muss, Reisen und ausprobieren, und mich nie an etwas binden - und auf diese Art und Weise das perfekte Leben führe?


Ich denke, das Leben kann noch so perfekt verlaufen - wenn man einmal das Reisen angefangen hat und sich mehrmals neue Lebenssituationen aufbauen muss (darf), merkt man erst, wie beschränkt das eigene Sichtfeld zuvor war, und auch wenn man immer das Gefühl hatte, man würde ausreichend an sich arbeiten, lernt man doch, dass die Welt einen weitaus reicher mit Erfahrungen beschenkt hat, als man das selbst "autodidaktisch" im gewohnten Umfeld hätte tun können.

Wie fühlt man sich dann am Ende einer Reise?

Bin ich jetzt froh, ein Jahr des Reisens erlebt zu haben, und kann ich alle Erfahrungen wertschätzen,

oder habe ich nun das Gefühl, mit einem winzigen Vorgeschmack auf die Welt abgespeist worden zu sein, und dass ich noch vieeel viel nachzuholen habe? am besten gleich??


wenn ich mir vorstelle, jetzt in Deutschland in die Uni zu gehen, wieder mit den gleichen Leuten abzuhängen wie früher, die gleichen Sachen zu tun (im Peaches arbeiten, Fitness studio, wer wird Millionär? anschauen, oder Schlag den Raab; im Zimmer sitzen und Musik hören; all diese Dinge), dann fühle ich mich dumm und denke, dass ich in der gleichen Zeit mit Reisen so viel mehr erleben, erfahren, lernen könnte.

Bin ich dann also "faul" in Deutschland?

Wie kann ich in Deutschland sein, ohne mich zu fühlen als wär ich am falschen Ort...


Ich bin mir nicht sicher, ob ich ich das Fernweh unterdrücken kann und mein altes Leben wieder aufnehmen - mein altes Leben, in dem ich sehr glücklich war, so viel weiß ich noch.

Aber damals WUSSTE ich noch nichts.

Und jetzt weiß ichs irgendwie besser.

(aber definieren kann ich das auch nicht.)


Und vor allem weiß ich jetzt, dass ich eigentlich NICHTS weiß.


das ist das Hauptproblem.


Seufz.


Jammern auf hohem Niveau, so würde der Papa mein ganzes Gefasel hier nennen.

Sitzt unter Palmen in der Sonne, und jammert.



Aber der Papa, der weiß erst recht nichts. so schauts nämlich aus ...


12.8.10 13:53





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